In einer längst vergessenen Zeit beschloss ein Riese, verstoßen und voller Kummer, sich niederzulassen. Er schwor, niemals wieder aufzustehen. Mit dem Verlauf der Zeit entdeckten wandernde Menschen ihn und begannen, sich um seine immense, still daliegende Gestalt anzusiedeln. Sie bauten ihre Häuser um ihn herum und nutzten seine weiten Arme als ihr schützenden Dächer. Sie errichteten einen Wachturm auf seiner Schulter, um ihre Feinde zu beobachten zu können und bauten ein Schloss in seinen Schneidersitz, wo sie sich verstecken und Sicherheit finden konnten.
Eines Tages veränderte sich etwas an dem Riesen. Die Wachen hoch in ihrem Turm waren die ersten, die es bemerkten: Tränen begannen sich in seinen Augen zu sammeln. Schwere Tropfen rollten über sein Gesicht, und die erste Träne prallte auf die Häuser darunter. Die Stadtbewohner lachten und tanzten unter dem fallenden Wasser und betrachteten es als unerwarteten Regen. Doch die Tränen hörten nicht auf. Die Tropfen fielen weiter, schwerer und schneller, bis das Gewicht des Wassers begann, ihre Häuser zu beschädigen. Was als Pfützen tief genug für ein Kind, um darin zu spielen, begann, verwandelte sich bald in Flüsse, die reißend durch die Stadt strömten.
Angst breitete sich aus. Einige packten hektisch ihr Hab und Gut und rannten, suchten Zuflucht weit weg von der Flut. Andere zogen auf die gegenüberliegende Seite des Riesen, weg von den Strömen. Einige, verzweifelt und wütend, griffen zu den Waffen – Messern, Schwertern, sogar Feuer – und versuchten, den Riesen mit Gewalt zu bewegen.
Da trat ein kleines mutiges Kind an die Tränen des Riesen heran. Sie schloss ihre Hände und trank davon und bald fand sie sich selbst auch weinend wieder. Nachdem ihre Tränen nach einiger Zeit nachgelassen hatten, umarmte sie den Riesen und ging mit einem strahlenden, freudigen Lächeln davon. Als die Erwachsenen das erstaunt sahen, wurden sie neugierig und folgten ihrem Beispiel, indem sie aus den Tränen des Riesen tranken. Auch sie begannen unkontrolliert zu weinen und hielten sich die Herzen, während Emotionen, die sie lange vergraben hatten, wieder aufbrachen. Doch mit der Zeit gingen sie ebenso mit einer Leichtigkeit davon und teilten Geschichten über vergangene Schmerzen und Einsamkeit, fühlten sich durch die Tränen des Riesen geheilt.
Als immer mehr Menschen aus dem Kummer des Riesen tranken, legten sie ihre Waffen nieder, versöhnten sich mit ihren Liebsten, und ein neues Gefühl des Friedens blühte in der Stadt auf. Die Tränen des Riesen hörten schließlich auf und er veränderte seine Haltung, um noch mehr Platz zu schaffen, damit die Menschen unter seiner schützenden Präsenz für immer friedlich wohnen konnten.
© Julian Kreis